WE ONLY KNOW IN THEORY / WHAT WE ARE DOING By Taline Temizian

Title: WE ONLY KNOW IN THEORY WHAT WE ARE DOING
Artist: Taline Temizian
Curator: Azad Asifovich

Invited collaborator for sound and composition: Sven Helbig
Invited collaborator for new media: Max Seeger
Invited writer: Marcus Steinweg
Invited curatorial collaborator: Adrienne Jaffé

Professional brunch: Saturday 03.09.22 from 11 AM to 3 PM
Public opening: 6 - 9 PM

The exhibition goes through October 15


Marcus Steinweg

WELTANGST

Für Taline

„Die Angst des Lebens selbst treibt den Menschen aus dem Zentrum“. Heidegger begeisterte dieser Satz aus der Freiheitsschrift Schellings, der in den Weltalter-Fragmenten die Angst als „Grundempfindung jedes lebenden Geschöpfs“ beschreibt. Jedenfalls ist der Mensch aus seinem Gottbezug gefallen. Entfernt man sich von Schelling, kommt man zu Lacan, der in seinem Seminar Die Angst von 1962/63 den Motivkreis von Angst, Begehren und Atheismus aufspannt.
Es geht um den Verlust und die Schwierigkeiten, sich mit ihm zu arrangieren. Was verloren ging, ist das Ding, das Gott bzw. Vater oder Mutter heißt = die alles im Blick behaltende Autorität, von der man behauptet, sie sei einem lästig, solange man auf ihre Präsenz und Konsistenz vertraut. Wenn das Vertrauen sich aufzulösen beginnt, schreit das Menschenkind nach seinem Kardinalreferenten. Es brüllt und heult sich geradezu eine Welt zusammen.
Welt meint hier: einen verlässlichen Zusammenhang, in dem sich angstlos leben lässt, was nichts als Einbildung bleibt. So ist das Tier, das Mensch heißt: Mitten im Staub greift es nach den Sternen. Was es weiß, will es kaum wahrhaben: Das Paradies ist längst verloren. Deshalb steht es neben sich und stiert in die Leere. Wer akzeptiert schon – unwiderruflich – verloren zu sein?
Den Atheismus konnotiert Lacan mit der Bereitschaft, „das Phantasma vom Allmächtigen zu eliminieren.“ Angst kann beides sein: Angst vor dieser Eliminierung wie ihr halsbrecherischer Vollzug. Wer Angst hat, stürzt sich in die Leere, die er flieht. Das Zentrum ist plötzlich überall. Es indiziert nichts als die Leere, der man sich panisch anvertraut. Im Vertrauen schwingt das Wissen mit, dass es unbegründet bleibt. Schließlich schwebt es über dem Abgrund der ontologischen Inkonsistenz, die sämtliche Realitäten durchzieht.
Indem Lacan den Atheismus als „Negation der Dimension einer Gegenwärtigkeit der Allmacht im Innersten der Welt“ auffasst, bereitet er den Boden für eine Theorie der Bodenlosigkeit oder Abgründigkeit, deren Vorläufer Hölderlin, Nietzsche, Wittgenstein, Heidegger, Derrida und Nancy sind. Sowohl das Präsenz- oder Gegenwärtigkeitsphantasma wie dasjenige der Allmacht, das der Innerlichkeit und das der Welt (als geordnetem Kosmos und Vertrautheits- bzw. Konsistenzsphäre) werden dekonstruiert. Und dennoch ist da immer irgendwo ein schlagendes Herz, das in seiner Fragilität für das einsteht, wofür jeder Name einsteht, indem er sein Versagen beteuert, seine Ohnmacht und die aus ihr resultierende Angst.
Die Angst fragilisiert, weil sie vors Nichts stellt. Sie provoziert eine Unruhe, die kaum schlafen lässt. Immer erhebt sie die Nacht zum Tag. Aber da ist noch etwas: Wer Angst hat, rührt an den Grund der Welt, der sich als Abgrund des Subjekts selbst erweist, seiner flirrenden Panik, die es zur Gestaltung des Formlosen treibt.


TALINE TEMIZIAN is an American/British & Armenian multidisciplinary artist and designer, born in California, USA in 1978, lives and works between the UK and Belgium. She works with a broad range of mediums including paintings, 3D, kinetic & light installations, collages, using systems, signs and processes to explore the interplay between personal narrative and cultural history through science, technology, art and poetry. Temizian’s practice is characterized by a wide range of influences, from modernist painting and anthropology to contemporary medical imagery and research, particularly that of cardiology and neurology.

Her work has featured internationally in solo and group shows including museums and art institutions such as: Canadian Center for Architecture (CA), Modern Art Museum Yerevan (AR), Venice Biennale projects (2015-2017,2019,2022) (IT), SPEKTRUM Berlin (GE), BOZAR (BE), Qatar Museum (QA), Basel Historical Museum (CH), Frederic De Goldschmidt Collection (BE & FR), Fondation Thalie (BE), Geoff Leong foundation (CN)

Represented by Felix Ringel Galerie (GE)